MZ: Schneller vom Vorort ins globale Dorf

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MZ: Schneller vom Vorort ins globale Dorf

Beitragvon Presse » 07.08.2009 10:19

Mitteldeutsche Zeitung, 07.08.2009

Schneller vom Vorort ins globale Dorf
Sollnitz, Neeken, Brambach, Streetz und Natho haben nur langsame Verbindungen ins Internet
VON THOMAS STEINBERG, 06.08.09, 20:26h, aktualisiert 06.08.09, 21:01h

DESSAU-ROSSLAU/MZ. Das Surfen im Internet ist den vergangenen Jahren billig geworden. Jedenfalls für jene, die nicht außerhalb oder am Rande der Stadt wohnen. Etwa in Sollnitz. Wer für diesen Dessau-Roßlauer Ortsteil eine Online-Abfrage bei der Telekom startet, welche Tarife denn empfehlenswert seien, wird überrascht: DSL per Satellit wird dort angeboten, als Flatrate für 40 Euro im Monat. Klingt gut, solange man nicht auf die Übertragungsgeschwindigkeit achtet: mit maximal 1 MBit werden die Daten aus dem Netz genuckelt - ein schneller Internet-Anschluss über DSL oder Kabel schafft zum gleichen Preis (oder sogar für weniger Geld) bis zu 50 Mal so viel.

Und fast ungläubig nimmt man das zweite Angebot wahr: Surf Eco 10. Zehn Stunden surfen pro Monat für 7,99 Euro. Mit einem schnarchlangsamen Modem. Wer sein Limit überschritten hat, zahlt 1,8 Cent pro Minute.

Die Sollnitzer gehören neben den Einwohnern von Rietzmeck, Brambach, Neeken, Streetz und Natho zu denen, die informationstechnisch betrachtet etwa zehn Jahre Rückstand haben. Schnelles Internet - in vielen Haushalten längst Standard und für die meisten Unternehmen längst ein Muss? Fehlanzeige.

Standortfaktor

Indes besteht Hoffnung auf Besserung: innerhalb des Konjunkturpakets II hat die Bundesregierung eine Breitbandinitiative aufgelegt, die bislang un- und unterversorgte Gebiete den Weg ins globale Dorf bahnen soll. Die Krise hat erstaunliches bewirkt: während von der Politik bisher (und immer noch) das Internet gern als rechtsfreier und deshalb zu überwachender Raum betrachtet wird, in dem sich vorwiegend Kinderschänder, Spielsüchtige oder Islamisten aufhalten, wird nun tatsächlich die Verfügbarkeit von leistungsfähigen Internetanschlüssen als Standortfaktor begriffen.

Zuvor hatte man die Sache dem Markt überlassen. Während die Telekom jedem einen (Basis-)Telefonanschluss bereitstellen muss, gilt dies nicht für schnelle Internetzugänge. Doch die aufs Land zu bringen ist teuer und unwirtschaftlich, sobald die Vermittlungszentrale mehr als vier Kilometer entfernt steht oder vor einigen Jahren die - damals modernen - Glasfaserleitungen verlegt wurden. Einige Dörfer haben zur Selbsthilfe gegriffen und der Telekom das Versprechen schneller Anschlüsse abgerungen, wenn sie selbst im Gegenzug die erforderlichen Kabelkanäle schachten. Um der Form Genüge zu tun, hat sie Stadt auf einer Website des Landes dennoch den Aufbau eines Internet-Turbos für Rietzmeck, Sollnitz und die anderen ausgeschrieben. Am Freitag, so Stadtpressesprecher Carsten Sauer, werde es auch ein erstes Gespräch mit einem Anbieter geben. Wenn sich indes keine privat finanzierte Lösung findet, sollen Fördermittel ausgereicht werden.

Theorie und Praxis

Bislang ist unklar, wie der Weg von den Vororten ins Internet verkürzt werden könnte. Die in Deutschland dominierende Technik für schnelles Surfen ist DSL; ähnlich leistungsfähig wären Fernsehkabel. Inzwischen werden auf UMTS aussetzende Techniken vor allem für das mobile Surfen angeboten; und zumindest bei einzelnen Anbietern lesen sich die technischen Daten auch gut. In der Praxis allerdings werden die versprochenen Übertragungsraten kaum erreicht, zumal sich mehrere gleichzeitig aktive Nutzer die Bandbreite teilen müssen, ähnlich wie beim recht selten eingesetzten Wimax, einer weiteren Funktechnik. Neuerdings rückt die durch Digitalisierung frei gewordenen Rundfunkfrequenzen als "digitale Dividende" in den Fokus, die sich relativ einfach nutzen ließe. Doch ohne klare Vorgaben, fürchtet die "Initiative gegen digitale Spaltung", könnte deren Nutzung sich für die ländlichen Kommunen als Mogelpackung erweisen: Sie erhalten einen Internetzugang, der nur mit viel Wohlwollen als schneller zu bezeichnen ist und bleiben dabei gegenüber den Städtern im Hintertreffen, die immer schneller durchs Netz rauschen.
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