Betreff: Kupfer-Glas-Migration, Take-up-Quote und fehlende Abschaltperspektive – strukturelle Risiken für den Glasfaserausbau
Sehr geehrter Herr Dr. Ebner,
mein Name ist Robert M., ich komme aus der Nähe von München und engagiere mich deutschlandweit für den Breitbandausbau über die Initiative gegen digitale Spaltung – geteilt.de.
geteilt.de ist eine bundesweite, unabhängige und werbefreie Initiative gegen digitale Spaltung und setzt sich seit über 20 Jahren für einen flächendeckenden, leistungsfähigen und bezahlbaren Breitbandausbau in Deutschland ein. Ziel ist digitale Teilhabe für alle Menschen – unabhängig vom Wohnort, Einkommen oder Anbieterinteressen.
Seit zwei Jahrzehnten weisen wir darauf hin, dass ein überwiegend wettbewerbsgetriebener und unkoordinierter Breitbandausbau ohne klare staatliche Zielvorgaben zu strukturellen Fehlentwicklungen führt. Die heutige Situation bestätigt diese Einschätzung in weiten Teilen.
Aktuelle Zahlen – unter anderem von Verivox – zeigen deutlich das Kernproblem: Die Glasfaserverfügbarkeit steigt, aber die Nutzung bleibt zurück. Rund 22 Prozent der Haushalte mit vorhandenem Glasfaseranschluss aktivieren diesen nicht. Die sogenannte Take-up-Quote bleibt hinter den Erwartungen zurück.
Das ist kein reines Marketingproblem, sondern ein strukturelles Problem des gewählten Ausbaupfades.
Solange Kupferanschlüsse dauerhaft parallel weiterbetrieben werden und oft günstiger sind als Glasfaser, besteht für viele Haushalte kein unmittelbarer Wechselanreiz. Glasfaser wird als optionales Premiumprodukt wahrgenommen – nicht als neue Basisinfrastruktur. Gleichzeitig werden Ausbauentscheidungen an Vorvermarktungsquoten gekoppelt. Bleibt die Beteiligung unter einer Schwelle, wird nicht gebaut oder nur fragmentiert.
Das führt zu mehreren Problemen:
Erstens: Lückenhafte Erschließung ganzer Ortsteile.
Zweitens: Dauerhafter Parallelbetrieb von Kupfer- und Glasfasernetzen mit doppelten Fixkosten.
Drittens: Verzögerte Migration und steigende volkswirtschaftliche Ineffizienz.
Viertens: Eine strukturelle Überforderung insbesondere ländlicher Kommunen, die Förderanträge, Markterkundungsverfahren und Projektsteuerung übernehmen müssen.
In Bayern zeigt sich das besonders deutlich. Während Ballungsräume mehrfach überbaut werden, kämpfen ländliche Gemeinden mit langwierigen Förderverfahren, Ausschreibungen und Bauverzögerungen. Der infrastrukturelle Generationswechsel wird organisatorisch auf die kommunale Ebene verlagert – ohne übergeordnete, verbindliche Migrationslogik.
Technisch ist die Lage eindeutig. Kupferbasierte Netze sind physikalisch begrenzt, energieintensiver im Betrieb und langfristig nicht skalierbar. Outdoor-DSLAMs benötigen pro Port ein Vielfaches der elektrischen Leistung eines GPON-Ports in zentralisierten Glasfaserzugangsnetzen. Mit zunehmender Portzahl steigen die Betriebskosten strukturell. Gleichzeitig verursacht ein 60/40-, 70/30- oder 80/20-Parallelsystem nahezu vollständige Instandhaltungs- und Organisationskosten im Kupfernetz, obwohl die Kundenzahl sinkt.
Glasfaser ist keine inkrementelle Verbesserung, sondern ein Infrastrukturwechsel.
Die zentrale politische Frage lautet daher:
Soll dieser Wechsel dem freien Markt überlassen bleiben – oder wird er als strukturpolitisches Infrastrukturprojekt organisiert?
Unter den aktuellen Rahmenbedingungen ist eine flächendeckende Glasfaserabdeckung weder bis 2030 noch bis 2035 realistisch erreichbar. Der fragmentierte Ausbau, die fehlende Abschaltperspektive für Kupfer und die migrationshemmende Preisstruktur verhindern eine systematische Flächenerschließung.
Ein entscheidender Punkt ist die fehlende Abschaltlogik. Sobald ein Gebiet technisch betriebsbereit und flächendeckend mit Glasfaser versorgt ist, sollte dort spätestens drei Jahre nach nachweislicher Betriebsbereitschaft das Kupfernetz außer Betrieb genommen werden – unabhängig davon, ob der Ausbau gefördert oder eigenwirtschaftlich erfolgte. Nur so entsteht Planungssicherheit und ein echter Migrationsanreiz.
Beim analogen Telefonanschluss bestand eine gesetzlich abgesicherte Universaldienstverpflichtung. Jeder Haushalt hatte einen Anspruch. Beim Glasfaserausbau existiert heute kein vergleichbarer Anspruch. Stattdessen wird vielerorts auf Mobilfunk, LTE, 5G oder Satellitenlösungen verwiesen. Diese Technologien können punktuell ergänzen, sind jedoch aufgrund geteilter Kapazitäten, Frequenzbegrenzungen und lastabhängiger Leistungsvariation keine vollwertige, symmetrische und dauerhaft skalierbare Grundinfrastruktur.
Die Frage ist daher nicht nur technisch, sondern digitalpolitisch:
Wollen wir Glasfaser als marktbasiertes Produkt behandeln – oder als Grundinfrastruktur wie Strom, Wasser oder Verkehr?
Ich würde mich sehr über Ihre Einschätzung freuen, insbesondere zu folgenden Punkten:
Wie bewertet die CSU die fehlende Abschaltperspektive für Kupfer?
Halten Sie eine gebietsweise Abschaltlogik für sinnvoll?
Wie kann die Take-up-Quote strukturell erhöht werden, ohne allein auf Drückerkolonnen oder kurzfristige Marketingmaßnahmen zu setzen?
Ist eine stärkere Bündelung der Planung auf Landkreis- oder Landesebene aus Ihrer Sicht denkbar?
Dieses Schreiben wird im öffentlichen Forum der Plattform
http://www.geteilt.de veröffentlicht.
Auch eine Antwort Ihrerseits würde dort veröffentlicht. Falls Sie das nicht wünschen, bitte ich um einen entsprechenden Hinweis.
Bitte um Rückmeldung. Vielen Dank.
Mit freundlichen Grüßen