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Email an Caschys Blog

BeitragVerfasst: 01.03.2026 15:57
von Dino75195
Anbei eine Email, aufgrund folgenden Artikels
https://stadt-bremerhaven.de/glasfaser- ... seinander/

Hallo Carsten,

dein Artikel "Glasfaser in Deutschland: Verfügbarkeit und Nutzung klaffen noch auseinander" trifft einen wichtigen Punkt:
Verfügbarkeit und Nutzung klaffen auseinander. Die 22 Prozent inaktiven Glasfaseranschlüsse zeigen aus meiner Sicht aber weniger ein Desinteresse der Bürger, sondern vor allem ein strukturelles Problem unseres Ausbau- und Migrationsmodells.

Ich engagiere mich seit über 20 Jahren bei der Initiative gegen digitale Spaltung – geteilt.de – für einen flächendeckenden Glasfaserausbau. Wenn man sich die Entwicklung nüchtern anschaut, erkennt man ein wiederkehrendes Muster.

Warum 22 Prozent ihre Glasfaser nicht aktivieren

Dass viele Haushalte trotz liegender Leitung keinen Vertrag abschließen, hat mehrere Ursachen.

Erstens fehlt eine Abschaltperspektive für Kupfer. Solange DSL ohne Enddatum weiterläuft, gibt es keinen Handlungsdruck. Wer mit 100 oder 250 Mbit/s zufrieden ist, sieht keinen zwingenden Grund zu wechseln. Migration funktioniert aber nicht über reine Freiwilligkeit, wenn Parallelstrukturen dauerhaft bestehen bleiben.

Zweitens spielt die Preisstruktur eine Rolle. Glasfaser wird häufig als Premiumprodukt vermarktet, während DSL günstiger bleibt. Damit sendet der Markt das Signal, dass Kupfer die Basis und Glasfaser das Upgrade ist. Infrastrukturwechsel funktionieren so nicht.

Drittens gibt es organisatorische Unsicherheit. Viele Bürger fürchten Baustellen, Verzögerungen, Vertragsprobleme oder aggressive Vertriebspraktiken. Der Ruf der Branche hat hier in den letzten Jahren eher gelitten.

Viertens ist es ein Wahrnehmungsproblem. Ein 250-Mbit-DSL-Anschluss fühlt sich für viele aktuell ausreichend an. Dass Glasfaser eine strukturell andere, skalierbare Infrastruktur ist, wird selten verständlich erklärt.

Der Kernfehler ist der dauerhafte Parallelbetrieb

Deutschland versucht einen Infrastrukturaustausch wie ein optionales Produktupgrade zu organisieren. Solange Kupfer dauerhaft weiterbetrieben wird, entsteht ein ökonomisches Paradoxon. Je mehr Glasfaser ausgebaut wird, desto weniger Kupferkunden bleiben übrig. Gleichzeitig müssen große Teile der Kupferinfrastruktur weiterbetrieben werden. Die Fixkosten verteilen sich auf immer weniger Anschlüsse. Das verteuert das System strukturell.

Ein Szenario mit 60 Prozent Glasfaser und 40 Prozent Kupfer ist volkswirtschaftlich ineffizient. 70 zu 30 ebenso. 80 zu 20 ebenso. Ohne verbindliche Abschaltperspektiven wird sich die Lücke zwischen Verfügbarkeit und Aktivierung nur sehr langsam schließen.

Der ländliche Raum seit 20 Jahren im gleichen Muster

Auf dem Land lief es jahrzehntelang so, dass Bürger sich selbst organisieren sollten, Gemeinden Förderanträge stellen mussten und Nachfragebündelungen das wirtschaftliche Risiko absichern sollten. Das Ergebnis war häufig Glasfaser bis zum Verteiler, also Outdoor-DSLAM, Vectoring und 200 bis 250 Mbit/s für viele. Die letzten Haushalte mit unter 100 Mbit/s bleiben zurück.

Die Verantwortung für eine nationale Infrastruktur wurde faktisch auf Bürger und Kommunen verlagert. Das würde man bei Straßen, Stromnetzen oder Wasserleitungen niemals so organisieren.

Warum Funk, 5G oder Satellit keine strukturelle Lösung sind

In der öffentlichen Diskussion wird häufig argumentiert, man könne mit 5G, LTE oder Satellit überbrücken. Aus infrastruktureller Sicht ist das nicht tragfähig. Funknetze arbeiten mit geteilten Kapazitäten. Die Leistung ist lastabhängig. Das Frequenzspektrum ist begrenzt. Symmetrische Bandbreiten sind nicht strukturell garantiert. Latenz und Stabilität schwanken.

Mobilfunk kann ergänzen. Er kann keine flächendeckende, dauerhaft skalierbare Grundinfrastruktur ersetzen.

Das eigentliche Risiko für 2030

Die EU spricht von flächendeckender Gigabit-Konnektivität bis 2030. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen, also rein marktgetriebenem Ausbau, kleinteiliger Förderung und ohne verbindliche Kupferabschaltung, ist dieses Ziel faktisch ausgeschlossen. Selbst 2035 wird ohne regulatorische Neuausrichtung schwer erreichbar sein.

Solange Migration freiwillig bleibt, Kupfer kein Enddatum hat, Glasfaser preislich als Premium positioniert wird und Ausbauverantwortung kommunal fragmentiert bleibt, wird sich die Take-up-Quote nur langsam verbessern.

Warum viele Bürger nicht mitmachen

Man sollte nicht fragen, warum viele Deutsche keine Glasfaser wollen. Man sollte fragen, warum der Infrastrukturwechsel nicht als gesamtgesellschaftliche Aufgabe organisiert wurde. Beim analogen Telefonanschluss gab es eine gesetzliche Universaldienstverpflichtung – jeder Bürger hatte einen Anspruch auf einen funktionierenden Festnetzanschluss. Die Infrastruktur wurde als Grundversorgung verstanden. Beim Glasfaserausbau existiert ein solcher klarer Anspruch faktisch nicht. Stattdessen wird vielerorts auf Übergangslösungen wie LTE, 5G oder Satellit verwiesen. Das sind technische Ergänzungen, aber keine gleichwertige, leitungsgebundene und dauerhaft skalierbare Infrastruktur.

Was helfen würde

Gebietsbezogene Abschaltfristen für Kupfer nach vollständigem Glasfaserausbau. Ein Basistarif auf DSL-Preisniveau. Einheitliche regulatorische Standards. Stärkere Koordination statt reinem Marktvertrauen. Und eine ehrliche Kommunikation, dass es sich um einen Infrastrukturaustausch handelt und nicht um ein Technik-Gadget.

Dein Artikel zeigt sehr gut die Symptome. Die Ursache liegt aus meiner Sicht im fehlenden Migrationsrahmen. Solange Glasfaser optional bleibt und Kupfer keine definierte Restlaufzeit hat, wird die Lücke zwischen Verfügbarkeit und Nutzung bestehen bleiben, egal wie viele Straßen noch aufgerissen werden.

Dieses Schreiben wird im öffentlichen Forum der Plattform http://www.geteilt.de veröffentlicht.
Auch eine Antwort würde dort veröffentlicht werden. Falls du das nicht wünschst, bitte ich um einen entsprechenden Hinweis.


Viele Grüße